Kinderarmut vor Ort mit gut vernetzten Angeboten bekämpfen
Präventionsnetzwerk gegen Kinderarmut im Landkreis Esslingen lud zu Fachtag ein
Kinderarmut ist auch im wirtschaftsstarken Landkreis Esslingen ein drängendes gesellschaftliches Thema. Für eine weitere Sensibilisierung und Information über das Thema lud das Präventionsnetzwerk gegen Kinderarmut im Landkreis „Familien stärken“ kürzlich zu einem Fachtag ins Landratsamt Esslingen.
Die Teilnehmenden, Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, dem Präventionsnetzwerk gegen Kinderarmut, der kommunalen Verwaltung sowie Vertreterinnen und Vertreter freier Träger konnten sich über die Dimension und die große Bedeutung vernetzter Angebote zur Bekämpfung und Prävention von Kinderarmut informieren - zum Teil sehr eindrücklich, denn auch ehemals von Kinderarmut Betroffene berichteten aus erster Hand über ihre Erfahrungen.
Ein Blick auf die Empfängerseite Soziale Mindestsicherung (2023) verdeutlicht das Ausmaß von Kinderarmut: Im Landkreis sind knapp 35.000 Menschen auf entsprechende Leistungen angewiesen, darunter 9.245 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren, das bedeutet einen Anteil von 18,8 Prozent, vergleichbar der bundesweiten Lage. „Wer schon als Kind arm ist und nicht am gesellschaftlichen Leben teilnehmen kann, hat auch in der Schule nachweisbar schlechtere Chancen. Das verringert die Möglichkeit, später ein selbstbestimmtes Leben außerhalb von Armut zu führen“, zitierte Christine Kenntner, Leiterin des Kreisjugendamts, die Bertelsmann Stiftung zum Auftakt des Fachtags. Demgemäß lautete das Motto der Veranstaltung „Teilhabe schafft Chancen: Wissen teilen – Familien stärken“. Vorträge, Diskussionsrunden und Workshops boten vielfältige Informationen und fachlichen Austausch.
Armut ist kein individuelles Versagen, sondern Folge von strukturellen Ungleichheiten und von Barrieren im Zugang zu Unterstützung und Bildung. Kinder tragen nicht die Verantwortung für ihre Lebensumstände, dennoch trifft Armut ihre Zukunftsperspektiven besonders hart. Der aktuelle Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung zeigt auf, dass jedes fünfte Kind in Deutschland in Armut aufwächst oder armutsgefährdet ist. Besonders betroffen sind Kinder von Alleinerziehenden, Kinder in Familien mit mehreren Kindern sowie in Haushalten mit geringem Einkommen. Hinzu kommt: Kinderarmut wird häufig über Generationen weitergegeben und beeinflusst die gesamte Lebensbiografie.
Digitale Netzwerkkarte für Fachkräfte und Anschubförderung
In vielen Kommunen gibt es bereits eine Reihe von Angeboten verschiedener Träger zur Unterstützung armer und armutsgefährdeter Kinder. Um diese transparent zu machen, wurde eine digitale Netzwerkkarte für Fachkräfte erstellt. Corinna Bauer, Netzwerkkoordinatorin beim Kreisjugendamt, präsentierte die digitale Netzwerkkarte, die dazu beiträgt, soziale Akteure im Landkreis besser zu vernetzen, Synergien zu nutzen und Versorgungslücken zu schließen, um Familien schneller zu unterstützen und in das Hilfesystem zu vermitteln.
Ein konkretes Angebot des Landkreises, um auf Armutslagen von Familien zu reagieren und die Folgen abzumildern, ist die Anschubförderung. Sie unterstützt die Entwicklung von Projekten und Initiativen, die niedrigschwellige Maßnahmen anbieten, welche die Lebensbedingungen von Kindern und ihren Familien in Armutslagen verbessern und ihre Teilhabe fördern. Weiterführende Informationen gibt es auf der Webseite des Landkreises.
Gastredner des Fachtags Dr. Michael Wolff, Referent für Armutsprävention und soziale Teilhabe im Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration Baden-Württemberg, hob die gewinnbringende Zusammenarbeit im Landesnetzwerk „Starke Kinder – chancenreich“ hervor. Der Landkreis Esslingen nehme eine besondere Rolle im Landesprogramm ein. Gemeinsam mit Göppingen wurden Präventionsketten entwickelt und visualisiert, deren dokumentierte Best-Practice-Strategien landesweit Maßstäbe setzen und anderen Kommunen als Orientierung dienen.
Vortrag und autobiografischer Beitrag von Jonas Vogelbacher, Kindheitspädagoge, sowie ein anschließender Round-Table brachten unterschiedliche Perspektiven zusammen und regten zu vertiefenden Gesprächen an. In vier moderierten Dialogräumen erarbeiteten die Teilnehmenden unter anderem Perspektiven zu Wohnraum und zu Haltungen gegenüber von Armut betroffenen Familien. Sie klärten zentrale Fragen und entwickelten nächste Schritte sowie Anforderungen für die Zukunft. Dabei entstanden sowohl ein vertieftes Verständnis des Themas als auch konkrete Impulse für die Umsetzung in der kommunalen Praxis.
Die erarbeiteten Ergebnisse werden vom Präventionsnetzwerk aufgegriffen und in die zukünftige Netzwerkarbeit sowie Weiterentwicklung bedarfsgerechter Präventionsangebote einbezogen.
